Showing posts with label poems. Show all posts
Showing posts with label poems. Show all posts

Wednesday, March 3, 2010

ich bin dein




ich bin dein eingeschriebener text
und du sagst mich auf
und du veränderst mich

du schüttest mich aus ver
wackelst mich
verweigerst mich

ich bin wie du sagst

du reißt mich auf
und auseinander
und überfliegst mich

da kommt wenig
noch vor

ich bin andrang
der sich entwickelt
unter deinem blick
und verfliegt

ich bin staub und stempel
aber du bestäubst mich nicht

ich bin deine kennung
die vorkommene schrift
aber du liest mich nicht mehr

Michael Lentz (*1964)

Monday, March 1, 2010

so tief verwundet ist dies herz


So tief verwundet ist dies Herz –
Es möchte sich in Nacht versenken,
Nicht sehen, hören und nicht denken,
Nur fühlen seinen bitt’ren Schmerz!
So kostet’ es ihn bis zum Grund,
Es müßte langsam sich verbluten,
Und aus den ausgebrannten Gluthen
Erhöb’ es sich vielleicht gesund.

Nun aber wird der laute Tag,
Der ihn geschäftig will zerstören,
Des Herzens Qual nur noch vermehren,
Nicht stark es machen, sondern schwach.
Doch sei’s getragen – nach dem Wie
Nicht fragt der Selbstbeherrschung Wille;
Nur Aug’ und Lippe, haltet stille,
Das inn’re Leid verrathet nie!


Luise Büchner (1821-1877)

Sunday, February 28, 2010

105

Sagt nicht, mein Lieben wär Vergötterung,
stellt meinen Liebsten nicht als Abgott hin,
weil jeder Vers und jede Huldigung,
die ich verfass, nur einen preist: nur ihn.
Oh, er ist gut, morgen so gut wie heut,
beständig ist er, wie's noch keinen gab.
Deshalb hat auch mein Vers Beständigkeit;
beschreibt ein Ding, sieht von den andern ab.
»Schön, gut und treu«,
wie ich's auch dreh und wende,
»Schön, gut und treu«, such andre Worte schon,
doch dann bin ich mit meiner Kunst am Ende.
Einzeln sieht man sie oft – schön gut und treu,
doch nie war ein Mann Wohnstatt aller drei.

dangerous

 

Der Regen schlägt das Haus mit Ruten

Draußen die Regenwolken, die schwimmend großen,
Sind wie die Fische mit grauen Flossen,
Die Wasser aus den Kiemen stoßen.
Der Regen schlägt das Haus mit Ruten,
Laute Wasserfluten schwemmen vom Dach;
Ein früher Abend kommt zu uns ins Gemach.
Wir hören die langen Finger vom Regen,
Die fahrig sich am Fenster bewegen,
Als will der Regen sich zu uns auf die Kissen legen.

Max Dauthendey (1867-1918)

Saturday, February 27, 2010

young and innocent


Sei allem Abschied voran, als wäre er hinter
dir, wie der Winter, der eben geht.
Denn unter Wintern ist einer so endlos Winter,
daß, überwinternd, dein Herz überhaupt übersteht.
Sei immer tot in Eurydike –, singender steige,
preisender steige zurück in den reinen Bezug.
Hier, unter Schwindenden, sei, im Reiche der Neige,
sei ein klingendes Glas, das sich im Klang schon
zerschlug.
Sei – und wisse zugleich des Nicht-Seins Bedingung,
den unendlichen Grund deiner innigen Schwingung,
daß du sie völlig vollziehst dieses einzige Mal.
Zu dem gebrauchten sowohl, wie zum dampfen und
stummen
Vorrat der vollen Natur, den unsäglichen Summen,
zähle dich jubelnd hinzu und vernichte die Zahl.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Friday, February 26, 2010

es ist jemand da

es ist jemand da

es gibt jemanden
nicht jede nacht
nicht jeden tag
manchmal ein brief
oder worte auf einem bildschirm
oder braune augen hinter einer zugtür
die nach bremsenquietschen
geöffnet wird, erst von
einem fremden, dann
schon schuh und bein bekannt,
dann schon die ratlosigkeit
ob hände oder mund zuerst
es ist jemand da




Udo Tiffert (*1963)

39

 

William Shakespeare


O! how thy worth with manners may I sing

O! how thy worth with manners may I sing,
When thou art all the better part of me?
What can mine own praise to mine own self bring?
And what is't but mine own when I praise thee?
Even for this, let us divided live,
And our dear love lose name of single one,
That by this separation I may give
That due to thee which thou deserv'st alone.
O absence! what a torment wouldst thou prove,
Were it not thy sour leisure gave sweet leave,
To entertain the time with thoughts of love,
Which time and thoughts so sweetly doth deceive,
And that thou teachest how to make one twain,
By praising him here who doth hence remain.

Tuesday, February 23, 2010

vertigo

metropolis reprise

eveR- / my electric. sheep .my dear .in the headlights. so wohl
moduliert auf ein- & ausdruck .kein knistern im schellackhaar
eveR- / my it-girl .du singst so schönes futur II oder stranger
than fiction .all das chichi im schaltkreis .eveR- .& immer noch
kein lehm an der rippe..eveR- .ja .eveR- nun steh .nicht. bloß
da wie heine vor ironie……………………………..tanz nochmal tanz


Simone Kornappel (*1978)

Wednesday, February 17, 2010

updike 1

Inselstädte

Man sieht sie vom Flugzeug, die namenlosen, grünen Inseln
in den ozeanischen, flachen Ebenen liegen,
zwanzig, dreißig Häuserblöcke, alles
doch, was eine Stadt so braucht, ist da––
das Sportfeld einer Schule, und ein Tupfer
Park entlang dem Fluss, die Zubringer,
die Straße wie ein Reißverschluss, Geschäfte
von dem dreckfarbenen Kuchen der Äcker geschnitten.
Kleine Leben––flach und fad––erdenkt man sich
in solchem engen Gitternetz. Jedoch wie Hirne
nach dem CAT-Scan so auch diese Städte,
sie behalten ihr Geheimnis: Launen des Geistes,
Grundwasser das nahe Minen flutet, blaut,
––Tautropfen der Sehnsucht, in Blöcken verwahrte Juwelen.

John Updike (1932-2009)

Tuesday, February 16, 2010

vergib mir

 

Vergib mir.
Ich tat,
Was Gott allein zu tun geziemt:
Nahm deine Hand für meine Hand,
Dein Herz für meines.


 

Mich verwirrte
Die schöne Nacht,
Der goldne Stern im Strauch
Und dann: der namenlose Duft der Linde.
Verzeih.


 

Klabund (1890-1928)

Friday, February 12, 2010

just words?

Ü B E R (G) E S (TALT)
["JA(HR...-HUNDERT/-TAUSEND"-Zyklus Teil XVI]

und wenn die zeit nicht dehnbar wäre
könnten wir den gläsernen moment nicht
durch und durch genießen
wenn der unendliche engel sich von innen
sanft an unsre haut anschmiegt
und alles körperliche wie ein weißes tor
ins dunkle leuchten spürbar ist
wo nichts verloren geht
weil nichts geboren wurde
jedes molekül um alle andern tanzt
als gäbe es kein einziges kalkül
im universum wird gearbeitet
die ganze unaussprechbare materie
atmet ihre kosmischen organe
ein und aus und denkt dabei
nur daß sie in sich selber ruht
und wundert sich wie wenig mut
der mensch für diese sache übrig hat

Tom (de) Toys(*1968)

Wednesday, February 10, 2010

a thousand kisses deep



Leonard Cohen

The ponies run, the girls are young,
The odds are there to beat.
You win a while, and then it’s done –
Your little winning streak.
And summoned now to deal
With your invincible defeat,
You live your life as if it’s real,
A Thousand Kisses Deep.

I’m turning tricks, I’m getting fixed,
I’m back on Boogie Street.
You lose your grip, and then you slip
Into the Masterpiece.
And maybe I had miles to drive,
And promises to keep:
You ditch it all to stay alive,
A Thousand Kisses Deep.

And sometimes when the night is slow,
The wretched and the meek,
We gather up our hearts and go,
A Thousand Kisses Deep.

Confined to sex, we pressed against
The limits of the sea:
I saw there were no oceans left
For scavengers like me.
I made it to the forward deck.
I blessed our remnant fleet –
And then consented to be wrecked,
A Thousand Kisses Deep.

I’m turning tricks, I’m getting fixed,
I’m back on Boogie Street.
I guess they won’t exchange the gifts
That you were meant to keep.
And quiet is the thought of you,
The file on you complete,
Except what we forgot to do,
A Thousand Kisses Deep.

And sometimes when the night is slow,
The wretched and the meek,
We gather up our hearts and go,
A Thousand Kisses Deep.

The ponies run, the girls are young,
The odds are there to beat . . .

Monday, February 8, 2010

legend

Legend

As silent as a mirror is believed
Realities plunge in silence by…
I am not ready for repentance;
Nor to match regrets. For the moth
Bends no more than the still
Imploring flame. And tremorous
In the white falling flakes
Kisses are,––
The only worth all granting.
It is to be learned––
This cleaving and this burning,
But only by the one who
Spends out himself again.
Twice and twice
(Again the smoking souvenir,
Bleeding eidolon!) and yet again.
Until the bright logic is won
Unwhispering as a mirror
is believed.
Then, drop by caustic drop, a perfect cry
Shall string some constant harmony,––
Relentless caper for all those who step
The legend of their youth into the noon.

Hart Crane (1899-1932)

Friday, February 5, 2010

reduktion


Reduktion I

Die Lösung von allem
ist warten. den Punkt halten
der die Waage im Gleichgewicht hält
und ich füge hinzu, ich
versichere: es ist ein sanftes Schweben
oder hängen über dem Boden
Zustand Null, Aufzeichnungsgeräte
die Digitalkamera filmt
genau so, und nicht anders, filmt genau das
und nichts anderes sonst
und doch ist es Leid, Ungerechtigkeit
Wunsch. nur diesmal kleiner, irgendwie fester
wie Spielfiguren oder Miniaturlandschaften
aus Kunststoff, bedeutungslos
unpersönlich, unecht.

Thien Tran (*1979)

Wednesday, February 3, 2010

11

 

William Shakespeare


As fast as thou shalt wane, so fast thou grow'st

As fast as thou shalt wane, so fast thou grow'st,
In one of thine, from that which thou departest;
And that fresh blood which youngly thou bestow'st,
Thou mayst call thine when thou from youth convertest,
Herein lives wisdom, beauty, and increase;
Without this folly, age, and cold decay:
If all were minded so, the times should cease
And threescore year would make the world away.
Let those whom nature hath not made for store,
Harsh, featureless, and rude, barrenly perish:
Look, whom she best endow'd, she gave thee more;
Which bounteous gift thou shouldst in bounty cherish:
She carv'd thee for her seal, and meant thereby,
Thou shouldst print more, not let that copy die.

ein böses gedicht



Da, wie fast ich muß vermuten, deine Liebe lau
geworden,
Fürcht ich, daß die braune Scheitel über Nacht mir
grau geworden!
Geizest du mit Augenblicken, die mir mehr als dir
gehören?
Bist du, lieblicher Verschwender, plötzlich so genau
geworden?
Haben deiner Treue Rosen sich als Dorn den Stolz
erlesen?
Sind der Liebesgöttin Tauben wie der Juno Pfau
geworden?
Wenn dich Weiber mir gestohlen, werden sie so lang
dich fesseln,
Bis der Tempel deiner Glieder ein zerstörter Bau
geworden.
Oder willst du bloß mich locken, den du längst im
Netz gefangen,
O so lohnt sich’s nicht der Mühe, daß du kalt und
schlau geworden!

August von Platen (1796-1835)

Sunday, January 31, 2010

one moment

 

In der abendlichen Sonne
sitzen wir gebeugten Rückens
auf den Bänken in dem Grünen.
Unsere Arme hängen nieder,
unsere Augen blinzeln traurig.
Und die Menschen gehn in Kleidern
schwankend auf dem Kies spazieren
unter diesem großen Himmel,
der von Hügeln in der Ferne
sich zu fernen Hügeln breitet.

Franz Kafka (1883-1924)

Saturday, January 30, 2010

rêverie



Sind wir frei?

Und hindert nichts mich, frei von dir zu reden,
Darf meinen Liebsten uns umschlungen sehn.
So können wir in jedes Wort, in jeden
Blick – lächelnden Gewissens sehn.
Nicht antworten, wenn Neugierige uns fragen.
Die wahren Freunde sind vertrauend scheu.
Und ach, du weißt: Ich bin dem Liebsten treu.
Dir aber kann ich jetzt nur eines sagen:
Es ist so schön, wenn Menschen Menschen tragen.

Joachim Ringelnatz (1883-1934)

Friday, January 29, 2010

blue yellow red

 

Wie sich das Galgenkind die Monatsnamen merkt
Jaguar
Zebra
Nerz
Mandrill
Maikäfer
Ponny
Muli
Auerochs
Wespenbär
Locktauber
Robbenbär
Zehenbär.
Christian Morgenstern (1871-1914)


Thursday, January 28, 2010

Thinking of Prokofief


Thinking of You Prokofief
The steam settled into the atmosphere
steam in atmosphere
it was cold; so the steam did not move
it became lonely as a field of daffodils
on the earth we kept looking up
on the horizon there was admiration
those waltzes.
And the ivory of our lids felt vaporous
as if crevices were gained in the shell
where our eyes kept their hoods
Thinking of you Prokofief
that tricky snow outside makes a steam indoors
and the china tea we brew keeps us quick
as Prokofief
whose doors slam.
Steam never lessens its latitude
in the sky
like Prokofief
while many cars creep over the bridge sweating
finally equipped
with their Mahler treads.
Barbara Guest (1920-2006)